
Text: Elena Lynch
Medium: NZZ am Sonntag Magazin, 22.02.2026
Zwei Austern, ineinander verkeilt wie das Yin und das Yang. Meine Geburtstagsvorspeise auf weissem Porzellan und Scherbeneis. So etwas bestellt man nicht gegen den Hunger. Ich habe sie mir servieren lassen, weil ich das Kostüm der anderen will, ihre Souveränität. Eine Auster ist kein Essen, sie ist eine Behauptung: Seht her, ich gehöre jetzt auch dazu.
Wie 2022, als ich in der Grand Central Oyster Bar in New York für mich und meine Freundinnen einen Tisch reservierte, weil ich dachte, dass das ihrem bildungsbürgerlichen Habitus entsprach. Doch als wir dann alle dasassen, stellte sich heraus, dass sie sich weder mit Muscheln auskannten noch sie besonders mochten. Wir liessen uns vom Kellner trotzdem eine Runde Bloody Marys bringen und eine Austernplatte zusammenstellen.
Später lud ich ein Foto auf Instagram hoch: karierte Tischdecke, leere Cocktailgläser mit Strohhalmen, eine noch ziemlich volle Austernplatte, eine Frau, die gestikuliert, eine andere, die das Gesicht verzieht. Caption: Austern sehen schlimmer aus als sie schmecken.
Solche Fotos, die wie impressionistische Stillleben daherkommen, gibt es in den sozialen Netzwerken inzwischen millionenfach, und sie werden – wider Erwarten – nicht von Reichen in weissen Turnschuhen und zu engen Anzugshosen aufgenommen, sondern von jungen Grossstädterinnen wie mir, die sich modisch mehrheitlich an den nuller Jahren orientieren, aufgrund der angespannten Mietmärkte dauerhaft auf Wohnungssuche sind, Selbstverwirklichung in kreativen Jobs suchen und keine Kinder haben.
Aber warum schlürfen ausgerechnet wir jetzt Austern?
Das erste Mal, dass ich in diesem jungen Grossstädterinnenmilieu Austern antraf, war an einem Geburtstag einer Freundin, die dafür bekannt ist, Essen gern zu einem Event zu machen, wenn nicht mit Austern, dann mit Gemüse, das an Nylonfäden von der Decke hängt. Das war 2021, das Schlüsseljahr für den Austerntrend, als die französische Künstlerin Johanna Dumet einen Kunstdruck verkaufte, in dessen Mitte eine grosse Austernplatte zu sehen war. Die limitierten Exemplare waren in kürzester Zeit ausverkauft und hängen seither in den instagramtauglichen Wohnungen, unter anderem meiner Freundinnen, wo an Dinners Austern angeboten werden.
Seither sind die Muscheln aus Szenenanlässen nicht mehr wegzudenken. Der Hype um die Delikatesse dürfte ihrem Eventcharakter geschuldet sein: Essen schafft es heute nur noch ins Internet, wenn es effektvoll inszeniert werden kann. Austernessen erfüllt diese Anforderung. Schliesslich muss man fürs Schlürfen den Kopf in den Nacken legen und den kleinen Finger in die Luft halten, während man sich mit Daumen und Zeigefinger die Muschel in den Mund leert – etwas, was die deutsche Autorin und Austernbotschafterin Jovana Reisinger als «ikonografische Geste» beschreibt.
Austern stehen für Luxus, etwas, was uns, den Millennials und der Gen Z, die in Zeiten von Polykrisen aufgewachsen sind, verwehrt geblieben ist. Erstmals seit Jahrzehnten erfahren wir junge Europäerinnen und Europäer, was eine ungewisse Zukunft bedeutet: Auf unserem Kontinent herrscht Krieg, die Wirtschaft ist im Arsch, und der Planet dürfte auch bald aufgeben. Diese Endzeitstimmung begünstigt die Belohnungskultur. Indem wir uns Austern gönnen, vergewissern wir uns, dass es uns – trotz allem – gutgeht. Nobel geht die Welt zugrunde!
Dabei ist die Auster mehr als nur ein Requisit für soziales Theater. Wer sie schlürft, verlässt die Welt der hohlen Gesten und begibt sich direkt in die Existenzphilosophie.
Andreas Ammer beschreibt es in «Austern» als «Begegnung zweier Lebewesen», bei der das eine dann stirbt. In der Regel ist es die Muschel, nicht der Mensch. Dieses Sein-oder-nicht-sein-Szenario erinnert uns daran, dass das Leben mit einem Happen vorbei sein kann, und ermahnt uns, jeden Augenblick zu achten. Mehr als das Jetzt haben wir nicht.
Und dann ist da noch der «Aneignungsdrang». Dieser funktioniere besonders gut, wenn er von Personen vorgenommen werde, die sich an schicken Austernbars nicht zugehörig fühlten und ihre eigene Scham überwinden müssten, da ihnen Erfahrung um derlei Essgewohnheiten fehle, schreibt Jovana Reisinger im «Frankfurter Allgemeine Magazin», dessen Cover sie – ganz die Aneignerin – mit Austernplatte und Sektglas sogleich selbst ziert. «Instagramtauglicher Klassenkampf» nennt sie das.
Dabei waren Austern nicht immer Anzeichen von Dekadenz. Auf dem Gemälde «Bettler mit Austern (Philosoph)» von Édouard Manet, 1866 entstanden, liegen die Austern zu Füssen des Bettlers und nicht wie heute auf einer Edelstahlplatte.
Austern galten lange als Essen der vielen. Sie liessen sich leicht sammeln und stillten den Hunger. Bis ins 19. Jahrhundert wuchsen sie massenhaft an Küsten. Erst als mit der industriellen Überfischung die Bestände knapp und der Transport teuer wurde, veränderte sich ihr Image. Dass Austern mit Luxus assoziiert werden, ist vorwiegend ihrer Geschichte des Verschwindens geschuldet.
Seither ist das Statussymbol zugänglicher geworden. Weil Austern heute überwiegend gezüchtet statt gefischt werden, sind sie weltweit wieder millionenfach verfügbar – und zwar nicht nur beim Zürcher Feinfischhändler Bianchi, sondern auch bei Coop, für 1 Franken 50 pro Stück.
Austern zu essen – vor allem seine erste Auster zu essen –, ist ein Übergangsritus. In «Kitchen Confidential» beschreibt der amerikanische Starkoch Anthony Bourdain das Essen seiner ersten Auster «als ein wirklich bedeutendes Ereignis», an das er sich erinnere wie an den Verlust seiner Jungfräulichkeit – «und in vielerlei Hinsicht sogar noch lieber». Das Schaudern seiner Eltern habe nur das Gefühl verstärkt, dass er damit «irgendwie zum Mann geworden» sei.
Wie Bourdain war auch ich in Frankreich, als ich meine erste Auster ass. Und es war genauso: Meine Schwester ekelte sich, meine Mutter auch, nur meine Tante motivierte mich zur Mutprobe. Ich schluckte die Auster am Stück. Besonders bekömmlich fand ich sie damals nicht, aber sie weihte mich in eines der vielen Geheimnisse ein, die die Erfahrungswelt der Erwachsenen von meiner trennten.
Der amerikanische Autor Rowan Jacobsen hat in «A Geography of Oysters» für diese Erfahrung eine eigene Bezeichnung gefunden: «Die Oyster Conversion Experience ist, unabhängig von Geschlecht und Generation, ein übergreifendes Erlebnis. Du bist ein Jugendlicher. Du befindest dich in Gesellschaft von Erwachsenen, von denen du nur allzu gern akzeptiert werden würdest. Dir wird eine Auster gereicht, du überwindest deine ursprüngliche Angst, nimmst sie in den Mund und fühlst dich danach mutig, stolz und erleichtert.»
Vielleicht essen wir auch deshalb Austern, weil der Effekt des Erwachsenwerdens bei uns noch nicht ganz gekickt hat. Wie sollen wir dazugehören, wenn wir wenig Erwachsenes vorzuweisen haben? Keine Eigentumswohnung, keine Kinder, keine Festanstellung, nichts von all dem, was unsere Eltern in dem Alter vielfach hatten.
Erwachsensein ist für uns mehr Akt als Alltag. So sagte mein Freund am Buffet, auf dem auch Austern auslagen, dass sich unser Aufenthalt im Nobelrestaurant, in dem wir während unserer Ferien nur assen, weil uns ein Gutschein geschenkt wurde, wie «Erwachsen spielen» anfühle. Als Kind mein Lieblingsspiel, inzwischen mag ich nicht mehr so tun, als ob.
Viele von uns suchen trotz Studium nach Stellen oder studieren wieder, weil sie keine finden. Und die mit Jobs arbeiten Teilzeit. Die einen wischen vor und nach der Yogastunde die Matten ab, damit sie gratis mitmachen können, obwohl sie an der Universität unterrichten, die anderen arbeiten in einem Kleiderladen, um ihre Kunst zu finanzieren. In Deutschland, wo ich wohne, ist die Arbeitslosenquote unter jungen Akademikerinnen und Akademikern 2024 auf einen Höchststand gestiegen.
Ein Schluck Meerwasser, eine ikonografische Geste, ein Foto, geteilt mit anderen. Am Ende bleiben die leeren Schalen zurück, zwei hohle Formen, die noch immer wie Yin und Yang ineinanderliegen. Für die Dauer einer Vorspeise waren wir genau die, die wir immer sein wollten. In einer Zeit, in der die grossen Entwürfe fehlen, muss der Glanz einer Muschel eben reichen.