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«Glauben Sie das wirklich?» ist Cedrics Lieblingsfrage in Gesprächen. © Nils Böddingmeier

Mit Rechten reden? Unbedingt!

Die AfD könnte in Baden-Württemberg erstmals im Westen über 20 Prozent kommen. Studierende aus Freiburg wollen das verhindern. Auch indem sie die Kandidaten volllabern.

Text: Elena Lynch

Medium: ZEIT Campus, 06.03.2026

 

Seit es die AfD gibt, suchen ihre Gegner nach dem richtigen Umgang mit ihr. Als die Partei vor ein paar Wochen zu einer Wahlkampfveranstaltung in einem Freiburger Bürgerhaus einlud, waren mal wieder drei klassische Strategien zu sehen: Die Ersten sprühten Buttersäure in den Eingangsbereich. Die Zweiten bauten sich draußen auf und skandierten «Nazis raus». Die Dritten aber mischten sich im Saal unter die AfDler und ihre Gäste, um zu reden. Diese dritte, interessanteste Gruppe nennt sich Offener Diskurs. Es sind linke Studierende aus Freiburg.

 

Etwa 30 von ihnen tummeln sich an diesem Februarabend im Zähringer Bürgerhaus zwischen AfD-Sympathisanten, überwiegend mittelalten, grauhaarigen oder glatzköpfigen Männern. Das AfD-Publikum strahlt Optimismus aus: Wenn am 8. März der baden-württembergische Landtag gewählt wird, könnte sie zum ersten Mal in einem westdeutschen Bundesland auf über 20 Prozent der Stimmen kommen. Die gesprächsfreudigen Studierenden, die das verhindern wollen, unterhalten sich mit ihren AfD-Sitznachbarn und ignorieren den Geruch nach Erbrochenem, den die Buttersäure hinterlassen hat. Die Atmosphäre ist fast schon irritierend entspannt, im Hintergrund dudelt Jazz. Beide Seiten lassen sich, so scheint es, ehrlich aufeinander ein.

 

Dafür ist auch Cedric Ruzafa, 23, verantwortlich. Er ist einer der Köpfe der Gruppe Offener Diskurs, studiert nachhaltige Systemtechnik in Freiburg und trägt einen dezenten Irokesenschnitt. «Ich bin immer schon diskussionsfreudig gewesen», sagt er. In der Pandemie diskutierte er auf Demos mit Maskengegnern, denen andere nur «Nazis raus» entgegenbrüllten. Da habe er verstanden: «Im Gespräch zu bleiben, ist eine sinnvolle Methode, andere nicht zu verlieren.»

 

Seitdem sehnt er sich nach einem Aktivismus, der sich nach außen richtet und sich anderen Ansichten aussetzt. Aus dieser Haltung entstand 2024 die Gruppe Offener Diskurs. Auf Cedrics T-Shirt schmeißt ein Vermummter statt eines Molotowcocktails einen Blumenstrauß, ein berühmtes Motiv des Streetart-Künstlers Banksy.

 

Vier von fünf Deutschen glauben, die Gesellschaft sei heute gespalten. Der Soziologe Steffen Mau sagt, dass sich eine gefühlte Spaltung irgendwann verfestigen kann. An diesem Kipppunkt setzt die Gruppe Offener Diskurs an. Die Studierenden wollen mit der AfD und ihren potenziellen Wählern im Gespräch bleiben, um sie aufzuhalten. Das führt zur alten Frage: Kann man die Partei wirklich bremsen, indem man mit ihr spricht? Die Aktionen der Gruppe zeigen, wann das scheitert und wann es gelingt. Und dass ein erfolgreicher Dialog auch darin bestehen kann, andere Dialoge verhindert zu haben.

 

Drei Stunden vor dem Wahlkampfauftakt im Bürgerhaus trifft Cedric den engen Kern der Gruppe. Das sind Wim Kölker, Fine Nagel und Paul Roggenbuck, alle Anfang 20; sie studieren Systemtechnik, Kulturanthropologie, Philosophie. In Pauls WG-Küche sprechen sie die Details ihrer Aktion durch: Vor der Veranstaltung wollen sie unentschlossene Wähler argumentativ von der AfD abbringen, während den Reden selbstbesprayte Schilder mit Sätzen wie «Glauben Sie das wirklich?» hochhalten, und in der Fragerunde am Schluss die AfDler mit Fakten konfrontieren und entlarven.

 

Cedric: «Cancel-Culture funktioniert auf Bühnen, aber nicht im direkten Austausch. Das Gespräch ist antipopulistisch und anstrengend.»

 

Paul: «Dabei merkt man, dass man mit denselben Ängsten politisch auch ganz woanders hinkommen kann.»

 

Cedric: «Und dass man Verständnis aufbauen kann für absurde Positionen, ohne diese vertreten zu müssen.»

 

Paul: «Du bist ja eine Zitatmaschine!»

 

Alle lachen. Die vier sind für ihr Studium nach Freiburg gezogen, sie kommen aus Aachen, München, Berlin, Neukirch am Bodensee. Trotzdem wirkt es manchmal so, als würden sie sich ewig kennen. Für den Weg von der WG zum Bürgerhaus fehlt ihnen ein Fahrrad. Also springt Fine auf den Rücken von Wim und klammert sich wie ein Äffchen an ihn.

 

Das Bürgerhaus ist von allen Seiten von der Polizei abgesperrt. Cedric und seine Gruppe – inzwischen sind noch mehr Studierende dazugekommen – werden zwar durch die Absperrgitter gelassen, weil sie sich angemeldet haben. Aber sie müssen die Schilder abgeben, die sie hochhalten wollten. Teil eins ihres Plans ist gescheitert, bevor sie überhaupt im Saal sitzen. Also bleiben heute nur die Konfrontation, die Gespräche.

 

«Die Medien schwindeln!», sagt drinnen der AfD-Anhänger, der neben Paul sitzt.

 

«Worüber denn?», will Paul wissen.

 

«Allgemein alles! Aber vor allem sagen sie nicht die Wahrheit über die AfD.»

 

«Da müssen Sie mir helfen. Was sagen die denn Falsches?»

 

«Ich bin auch kein Faktenchecker.»

 

In ihren Gesprächen sind die Studierenden bemüht diplomatisch und deeskalierend: «Da gehe ich mit» oder «der Vergleich hinkt». Sie versuchen, beim Thema zu bleiben und gleichzeitig mit Fragen herauszufinden, aus welcher Angst ihr Gegenüber argumentiert. «Ohne dieses Wissen weiß man nicht, wo man ansetzen muss, um etwas zu bewegen», sagt Cedric.

 

Und das sei eins seiner Lebensziele, sagt Cedric: wirklich etwas bewegen. Um genug Zeit dafür zu haben, hat er sich ein Jelly Star gekauft, das kleinste Smartphone der Welt, auf dem Bildschirmzeit nervt. Jede Woche macht er auf einem Papier ein Kreuz, damit er sieht, wie viel Zeit ihm bleibt, um die Welt zu verändern. «Memento Mori», sagt er dazu, bedenke, dass du sterben wirst.

 

Als der AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier die Fragerunde im Saal öffnet, schießen die Hände der Studierenden nach oben. Cedric kommt als Zweiter dran. Er entschuldigt sich, dass seine Frage zum Strompreis etwas länger dauern wird. Dann holt er aus, spricht von Bedarfsangeboten und vom Merit-Order-Prinzip, das die Reihenfolge beschreibt, in der Kraftwerke ihren Strom auf dem deutschen Markt anbieten. Er spricht von fossilen Quellen und erneuerbaren Energien. Mit 13 Jahren hat Cedric sein erstes Buch über grüne Energie gelesen. Etwas lehrerhaft fragt er am Ende den Politiker: «Herr Frohnmaier, wie viel kosten die verschiedenen Stromproduktionen pro Kilowattstunde?»

 

Frohnmaier kennt die Zahlen nicht und greift auf gewohnte Satzbausteine zurück. «Die erneuerbaren Energien können nicht unabhängig von Tageszeit und Wetter dauerhaft und zuverlässig Strom liefern. Was, wenn es eine Dunkelflaute gibt?», fragt er. «Doch wenn Sie uns die Zahlen mitteilen wollen, dann teilen Sie uns die doch mit.»

 

Cedric versucht vom Mini-Bildschirm seines Jelly Stars die Zahlen zu entziffern, die er sich extra aufgeschrieben hat. «Also das Handy hätte ich jetzt auch rausholen können», sagt Frohnmaier. «Sie hätten mich jetzt beeindruckt, wenn Sie mir die Zahlen hätten herunterbeten können.»

 

Cedric kreuzt die Arme über dem Kopf. Das hatte er sich anders vorgestellt. Später sagt er, dass es ihn wütend mache, wie fremdenfeindlich und menschenverachtend die AfD online auftrete, und wie anders sie sich inzwischen auf Veranstaltungen präsentiere: «Als bürgerlich und besonnen, die netten Rechtsextremen von nebenan.»

 

Nach drei Stunden, gegen halb zehn Uhr abends, ist die Veranstaltung vorbei. Beim Rausgehen lässt sich Cedric übrig gebliebene Werbeartikel schenken. Die Fruchtgummis in Flugzeugform – eine Anspielung auf Abschiebeflüge – wirft er sich mit einem Mal in den Mund. «Lieber für mich als für die», sagt er. Die anderen Werbeartikel will er wegwerfen.

 

Zehn Tage nach der Aktion im Bürgerhaus fährt Cedric mit Fine in seinem klapprigen VW-Bus nach Herbolzheim, einer Kleinstadt 30 Autominuten nördlich von Freiburg. Sie wollen dort AfD-Wahlkämpfer in Gespräche verwickeln, damit sie so wenig Passanten ansprechen und Flyer verteilen können wie möglich.

 

«Es sind sechs AfDler da», sagt Fine, die gerade mit jemandem vor Ort telefoniert hat.

 

«Das ist stabil. Normalerweise sind es weniger», sagt Cedric.

 

«Aber wir sind sieben», sagt Fine.

 

In Herbolzheim ist an diesem Freitag Markttag. Neben den Gemüseständen und Imbissbuden haben CDU, Grüne und Linke ihre Stehtische aufgestellt. Die AfD hat einen Pavillon mitgebracht. Die sechs Mitglieder, die gekommen sind, tragen blaue Windjacken, jemand hat seinen Shetland Sheepdog in einen AfD-Schlauchschal gesteckt.

 

Als Cedric und Fine ankommen, haben andere aus ihrer Gruppe schon zwei AfDler in Gespräche verwickelt, einen Lüftungsberater im Außendienst und eine Kauffrau in der Immobilienverwaltung. Cedric und Fine werden vom AfD-Bundestagsabgeordneten Michael Blos angesprochen: «Ihr wollt ein paar Informationen haben, oder?»

 

Cedric antwortet: «Vielleicht erkennen Sie es an unseren Frisuren. Wir sind vom anderen politischen Lager.»

 

Das mache ihm nichts aus, man könne ja trotzdem miteinander reden, sagt Blos.

 

«Haben Sie Gummibärchen?», will Cedric wissen.

 

Blos drückt ihm ein Päckchen in die Hand, dieses Mal sind es nur herkömmliche Haribos, keine Flieger. Leider ohne Parteilogo, sagt er. «Das ist langweilig, oder?»

 

Zwei Stunden lang verstrickt Cedric den Parlamentarier in ein Gespräch über erneuerbare Energien, er zeichnet ein Kurvendiagramm auf einen AfD-Flyer und erklärt ihm das Merit-Order-Prinzip. Fine spricht erst mit einer Frau, die ein T-Shirt mit der Aufschrift «Heimatliebe ist kein Verbrechen» trägt, und dann mit einem Mann daneben, der sich freut, an einem AfD-Stand mal nicht angefeindet zu werden. Er bedankt sich danach sogar bei Fine für das «gute Gespräch».

 

Um 12 Uhr machen sich Cedric und Fine auf den Rückweg nach Freiburg. «Boah, bin ich ausgelaugt! Am Ende konnte ich mich kaum mehr konzentrieren», sagt Fine. Aber sie ist zufrieden. Einer ihrer Gesprächspartner habe sich nach ein paar Minuten sogar gegen Rechtsextremismus gestellt und gesagt, dass Integration gefördert und nicht gekürzt werden solle. Auch Cedric ist zufrieden. Dass er Michael Blos zwei Stunden lang unterhalten habe, sei ein großer Erfolg. So habe der niemanden ansprechen können.

 

Manchmal, sagen die beiden, riechen sie sich nach Aktionen wie heute gegenseitig scherzhaft an den Achseln und sagen: Das ist der AfD-Angstschweiß. Heute will Fine lieber eine rauchen, als sie zurück in Freiburg sind. Morgen früh geht es zum nächsten Wahlkampfstand, loslabern.

 

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