
Text: Elena Lynch
Medium: annabelle, 15/2025
«Unter uns liegen Babys begraben, eins auf dem anderen», sagt Catherine Corless (71). Sie steht im Innenhof einer Wohnsiedlung, wo in der einen Ecke eine Gedenkstätte errichtet worden ist: eine Grotte mit einer Marienstatue. 796 Baby- und Kinderleichen sollen hier, im irischen Tuam, in einem Abwassertank eines ehemaligen Mutter-Kind-Heims entsorgt worden sein.
Gestorben sind sie – das legen Untersuchungen heute nahe – aufgrund fehlender medizinischer Versorgung, Mangelernährung, schlechten hygienischen Bedingungen. Man könnte sagen: Aufgrund von Gleichgültigkeit. Bis Ende der 1990er-Jahre gab es in Irland 18 dieser Heime, in die sogenannte «gefallene» Frauen geschickt worden sind, um dort heimlich ihre unehelichen Kinder zur Welt zu bringen. In knapp achtzig Jahren haben Frauen in diesen von verschiedenen katholischen Orden betriebenen Heimen 56 000 Kinder geboren. 9000 davon starben, die anderen wuchsen in den Heimen oder in Pflegefamilien ohne ihre leiblichen Mütter auf.
Die hohe Zahl toter Kinder war «den lokalen und nationalen Behörden bekannt» und «in offiziellen Veröffentlichungen festgehalten», stellt ein Bericht von 2021 fest. Doch dass die Sterblichkeitsrate im Heim von Tuam bis zu fünfmal höher lag als die damalige Kindersterblichkeit im Land, hinterfragte niemand mit Nachdruck. Eine Zeit lang wurden sie damit gerechtfertigt, dass uneheliche Kinder aufgrund der angeblich unmoralischen Art ihrer Zeugung körperlich schwächer seien. Bis Lokalhistorikerin Catherine Corless kam.
Bei unserem Besuch im Frühling dieses Jahres blühen die Narzissen, doch das Wetter ist garstig. Corless trägt eine graugestreifte Mütze und ein goldenes Stieramulett, das sie vor fünfzig Jahren von ihrem Mann Aidan geschenkt bekommen hat.
Catherine Corless hat ihr ganzes Leben in Tuam verbracht. In ihrer Autobiografie schreibt sie, dass dieses Land ihr im Blut liege, im Guten wie im Schlechten. Corless wurde 1954 geboren und wuchs an der Dublin Road auf. An derselben Strasse, an der sich auch das Mutter-Kind-Heim befand, bevor es 1961 wegen Baufälligkeit schloss und später einer Wohnsiedlung wich, in dessen Innenhof Catherine Corless nun neben der Gedenkstätte steht.
Ihr rund vier Kilometer langer Schulweg führte am Mutter-Kind-Heim vorbei. Die Heimkinder, sagt Catherine Corless, habe man auf dem Schulweg immer von weitem gehört, wenn sie, begleitet von zwei Nonnen, in Zweierreihe zur Schule liefen. Die Sohlen ihrer Schuhe seien mit Nägeln beschlagen gewesen und hätten beim Gehen ein hell hämmerndes Geräusch von sich gegeben. Die Heimkinder, sagt sie, seien später zum Unterricht gekommen und früher gegangen als alle anderen. In ihrer Autobiografie schreibt Catherine Corless, dass diese Segregation sich auf ihre jungen, formbaren Geister ausgewirkt habe: «Wir sahen sie als ‹anders› an.» Sie habe kaum Kontakt gehabt mit den Heimkindern. Mit Ausnahme von diesem einen Mal in der Garderobe, da habe sie, angestiftet von ihren Freundinnen, zum einen Heimkind gesagt: «Hey, ich habe etwas für dich! Ein Bonbon.» Aber als das Mädchen nach dem vermeintlichen Bonbon griff, merkte es, dass ihm nur ein zerknülltes Stück Papier hingehalten wurde. «Der Streich geht mir bis heute nach.»
Auch wegen der Reaktion ihrer Mutter: Als die Tochter ihr den Vorfall schilderte, verliess sie schweigend den Raum. «In meiner Mutter steckte ein schrecklicher Schmerz. Doch sie war nie eine Person, die ihre Gefühle besprochen oder ihre Reaktionen begründet hätte. Fragte man, warum, sagte sie: Darum.» Weshalb sie so war, konnte sich Catherine Corless erst nach deren Tod erklären, als sie herausfand, dass auch ihre Mutter ein uneheliches Kind gewesen war. Genauso wie das Mädchen, dem sie den Streich gespielt hatte.
Catherine Corless besuchte mit zwanzig ein Jahr die Kunsthochschule, schlug sich dann vier Jahre als Rezeptionistin durch, bis sie 1978 ihren Mann Aidan heiratete und mit ihm in sein Elternhaus zog, das «Out in the Sticks» lag, abseits von allem. Jahrein, jahraus kümmerte sie sich hier um ihre vier Kinder und fünfzig Kühe und flüchtete in die umliegenden Felder, wenn sie für sich sein wollte.
Als die Kinder älter wurden, die Abende zu zweit ruhig waren, entdeckte sie in der Lokalzeitung «The Tuam Herald» eine Anzeige für einen Abendkurs in Geschichte und meldete sich an. Schliesslich war sie erst 51. Das war 2005.
Fünf Jahre später hatte sie drei Essays für die lokale Geschichtszeitschrift geschrieben und war auf der Suche nach einem Thema für den vierten. Sie lief durch Tuam – «mein Geschichtslehrer hat immer gesagt, dass Geschichte überall um uns herum ist» – und fand sich an der Stelle wieder, wo einst das Mutter-Kind-Heim stand. Sie erinnerte sich, wie sie auf dem Schulweg mit ihrer Schwester mal durch das offene Tor schlich, um zu sehen, was hinter der mit Glasscherben bestückten hohen Mauer war. Warum nicht darüber schreiben, dachte sie.
In der lokalen Bibliothek fand sie einen Studentenessay, aus dem sie erfuhr, dass die Mütter, die im Heim entbunden hatten, nach ihrem ein- bis dreijährigen Aufenthalt ihre Kinder abgeben mussten. Das war neu für Catherine Corless, die bis hierhin dachte, dass das Heim ein Waisenhaus gewesen sei. Ausser dem Essay fand sie nichts dazu. Warum wohl? Der Bon-Secours-Orden war doch wichtig, betrieb neben dem Heim auch ein Spital in Tuam.
Sie erkundigte sich bei den Leuten in Tuam nach dem Heim. Doch die allgemeine Reaktion war: Lieber nicht darüber reden. Bis sie an einen Friedhofswärter verwiesen wurde, der ihr alles über das Heim sagen könne.
Vom Friedhofswärter wurde Catherine Corless zum ersten Mal zur Gedenkstätte im Innenhof der Wohnsiedlung geführt und erfuhr, dass zwei Buben 1975 nach dem Stehlen von Äpfeln von einer Mauer sprangen, die das ehemalige Mutter-Kind-Heim einst umgab, und auf einer eingerissenen Betonplatte landeten. In ihrer kindlichen Neugier schoben sie diese beiseite und entdeckten darunter einen dunklen Hohlraum. Auf dem Boden lagen Knochen. Die Polizei sagte damals: Hungertote. Der Friedhofswärter jedoch vermutete: Heimkinder.
«Ich dachte, es seien vielleicht ein paar wenige», sagt Catherine Corless. «Doch dann begann ich zu recherchieren und deckte eine Geschichte auf, die immer düsterer wurde.»
Sie rief beim Standesamt der Grafschaft Galway an, zu der Tuam gehörte, und wollte von der Archivarin dort wissen, wie viele Babys im Mutter-Kind-Heim in Tuam gestorben waren. «Als sie mich nach ein paar Wochen zurückrief, wollte sie wissen, ob ich wirklich alle Sterbeurkunden aus dem Heim haben wolle. Ich fragte, wie viele es denn seien. Und sie sagte: «Zweihundert bisher.»
Zurück im Frühling 2025. Auf dem Küchentisch in Catherin Corless’ Haus steht ein selbstgebasteltes Modell des Mutter-Kind-Heims. Daneben liegen zwei Karten, eine von 1925 und eine von 2007. Sie sind so abgegriffen, dass die Falze mit Klebeband verstärkt worden sind. Auf der alten Karte zeigt sie auf die rot gerahmte Angabe «Abwassertank», auf der neuen auf die gelb markierte Stelle «Grabstätte».
Sie hatte die beiden Karten 2012 in der Bibliothek der Universität Galway gefunden. Sie hätte den entscheidenden Zusammenhang zwischen ihnen fast nicht hergestellt, doch dann, in einem Moment der Klarheit, verstand sie, dass der Abwassertank genau dort angegeben war, wo heute die Gedenkstätte war. Sie fragte sich: Bedeutete das, dass der Hohlraum, den die beiden Buben 1975 fanden, in Wirklichkeit ein alter Abwassertank war? Dass die gefundenen Knochen – oder vielmehr ganze Körper – von den Nonnen dort hineingeworfen worden waren? Aus einer alten Anzeige im «The Tuam Herald» wusste sie, dass das Mutter-Kind-Heim spätestens 1937 ans allgemeine Abwassersystem angeschlossen wurde und der Tank seither ausser Betrieb gewesen war.
Die Polizei hatte nach dem Fund gesagt, dass es sich bei den Knochen um Überreste von Opfern der grossen Hungersnot handeln würde, die in Irland zwischen 1845 und 1852 rund eine Million Menschen das Leben kostete. Doch für Catherine Corless ging das nicht auf: Wären die Knochen dann nicht beim Einbau des Abwassertanks entdeckt worden? Die Polizei leitete damals jedenfalls keine Untersuchung ein. Und der Bon-Secours-Orden schickte einen Priester für ein paar Gebete hin und schwieg.
2012, nach zwei Jahren Recherche, veröffentlichte Catherine Corless ihren Essay «Das Heim» in der lokalen Geschichtszeitschrift. Darin warf sie die Frage auf, ob die menschlichen Überreste im Hohlraum wirklich, wie bisher angenommen, jene von Hungertoten waren oder nicht vielmehr Kinder, die im Mutter-Kind-Heim geboren und gestorben waren.
Nach der Veröffentlichung passierte zu ihrer grossen Verwunderung: nichts. Catherine Corless hatte – «naiverweise», wie sie in ihrer Autobiografie schreibt – geglaubt, die Kirche, die Lokalzeitung, die Politik würden sich über die Erkenntnisse betroffen zeigen, schockiert sogar, und diesen nachgehen. Doch für «die Babys», wie sie die verstorbenen Heimkinder immer bedächtig nennt, schien sich ausser ihr niemand zu interessieren. 2013 habe sie das ganze Jahr versucht, die Nonnen, den Bischof, die Behörden dazu zu bewegen, etwas zu unternehmen, sagt sie, sei aber von allen hingehalten worden. Zwei Jahre später wandte sie sich an die Medien.
«Als mich Catherine 2014 anrief, wollte sie unbedingt, dass diese Kinder endlich Gerechtigkeit erfahren», sagt Alison O’Reilly, jene Journalistin, welche die Geschichte erstmals veröffentlichte. «Als der Artikel auf der Titelseite der ‹Irish Mail on Sunday› erschien, war das für Catherine eine grosse Sache.» Eine offizielle Reaktion darauf blieb vorerst aus. «Die kam erst, als der Artikel international aufgegriffen wurde, von CBS, CNN, der ‹Washington Post›.»
Erst dann veranlasste die Regierung einen Bericht, der 2021 veröffentlicht wurde. Er fand keine Beweise für systematische Tötungen, wohl aber für eine Gleichgültigkeit gegenüber diesen unehelichen Kindern – ihre medizinische, hygienische und ernährungsbedingte Versorgung war unzureichend. Catherine Corless fand, der Bericht lasse die katholische Kirche davonkommen: «Er schiebt einen Grosssteil der Verantwortung den Vätern der Kinder und den Familien der Mütter zu und sieht die Schuld in der Gesellschaft insgesamt», sagt sie. «Das Problem damit ist: Wenn alle schuld sind, scheint am Ende niemand schuld zu sein.»
Auf den Bericht hin schrieb der Orden in einer Stellungnahme: «Wir sind bei der Leitung des Heims unserem christlichen Glauben nicht gerecht geworden. Wir waren Teil des Systems, in dem [die Frauen und Kinder, die in das Heim kamen] Not, Einsamkeit und schreckliches Leid erfahren mussten. Wir erkennen insbesondere an, dass Säuglinge und Kinder, die im Heim starben, auf respektlose und inakzeptable Weise beigesetzt wurden. Für all das entschuldigen wir uns zutiefst.»
Catherine Corless sagt: «Wenn man so darüber nachdenkt, geht das, was die Nonnen getan haben, gegen alles, was sie predigen.»
Dass Tuam (dessen Name sich ironischerweise vom altirischen Wort für «Grabhügel» ableitet, weil dort in der Bronzezeit eine Begräbnisstätte lag) nun synonym für ein Massengrab steht, finden nicht alle Ansässigen gut. «Catherine gilt als Unruhestifterin, die Tuam international in ein schlechtes Licht rückte», sagt die Journalistin Alison O’Reilly. Bis heute scheint sich die Gemeinde nicht mit ihrer Geschichte arrangiert zu haben: Auf den Informationstafeln, die Auswärtige über Tuam aufklären, geht es um alles, die Kathedrale, die Hungersnot, die Industrialisierung, bloss nicht um das Massengrab. Wegziehen wollte Catherine Corless wegen der Anfeindungen aber nie. «Ich wusste ja, dass ich das Richtige tue und jede meiner Aussagen mit Beweisen belegen konnte», sagt sie. 2017 bestätigte dann eine Exhumierung mittels Kohlenstoffdatierung definitiv, dass die Knochen im Hohlraum zu Heimkindern und nicht zu Hungertoten gehörten.
Seither wollen alle mit Catherine Corless sprechen. Ihr Mann Aidan scheint sich bis heute nicht ganz erklären zu können, dass sich seine schüchterne Frau in der «New York Times» von einem Pulitzerpreisträger porträtieren und in der «Late Late Show», der irischen Talkshow schlechthin, live interviewen lassen hat. Zu Alison O’Reilly soll er mal gesagt haben: «Kenne ich meine Frau überhaupt?»
Vielleicht war es die Wut darüber, dass sich niemand um «die Unterdrückten» zu kümmern schien, die Catherine Corless über Jahre antrieb, dranzubleiben, dagegenzuhalten, gegen die Gemeinde, die Kirche, die Regierung. Bis heute sagt sie jeder Interviewanfrage zu. Nicht für sich selbst, wie sie sagt, sondern für «die Babys».
«Catherine ging es nie um Catherine», sagt Naomi Linehan, die Corless’ Autobiografie geschrieben hat. «Als Autorin versuche ich immer zu verstehen, was die Heldin antreibt, was sie von einem Schritt zum nächsten führt. Bei Catherine habe ich lange gebraucht, um herauszufinden, was das war. Es steckt sehr viel Selbstlosigkeit in ihr. Es geht ihr, wie Erin Brockovich einst, wirklich um Gerechtigkeit. Und ich glaube, dass es auch eine Suche nach ihrer Mutter war und was diese als Heim- und Pflegekind durchgemacht und dabei gefühlt haben könnte.»
Catherine Corless selbst fällt es schwer, zu erklären, was sie stets hat weitermachen lassen. Mal spricht sie von einer «magischen Pille», mal von einer «grossen Kraft im Universum».
Was immer es auch war, Gott war es jedenfalls nicht. Mit dem hat sie abgeschlossen, mit der ganzen Kirche. Als drei Vertreterinnen des Bon-Secours-Ordens sie bei einer Tee-Einladung drängten, ihre Mission aufzugeben, servierte sie sie ab. 2018 schlug sie die Einladung zum Empfang von Papst Franziskus in Dublin aus, nachdem dieser nicht mit ihr über das Massengrab in Tuam sprechen wollte.
Für ihren Mann Aidan war das nicht einfach. Er hatte sich Sorgen gemacht, als sich seien Frau an die Medien wandet, weil sie sich damit gegen die katholische Kirche stellte. «Meine Mutter war sehr gläubig», sagt er, an die Küchentheke gelehnt. «Sie putzte die Kirche und nahm mich oft mit. Sie fragte immer, ob ich auch oben auf den Leisten abgestaubt hätte. ‹Das sieht doch niemand›, antwortete ich einmal. Und sie sagte: ‹Doch, Gott sieht es›». Die Gottesfurcht, die ihm dadurch vermittelt wurde und die ihn bis heute prägt – er schämt sich, wenn er an einem Mittwoch oder Freitag Fleisch isst –, hat er in seiner Frau nie erkannt. Ihre Mutter hatte im Gegensatz zu seiner nichts von der Kirche gehalten, auch wenn sie für die Aussenwirkung sonntags zur Messe ging und zuhause eine Herz-Jesu-Lampe stehen hatte, wie es heute noch für viele irische Haushalte üblich ist.
Ihr eigenes Haus hat keine Herz-Jesu-Lampe, sondern ist mit Dingen dekoriert, die Catherine Corless in Dankbarkeit zugeschickt wurden: In der Küche hängt eine Schieferplatte, auf die eine Mutter und ein Kind gemalt wurden, gesäumt von der Zahl 796. Entlang der Treppe hängen, leicht schräg, zwei Gemälde an der Wand: Kleine Kinderschuhe an einem Zaun und eine Nonne neben einer Mutter mit Kind. Im Eingangsbereich hängen lauter Auszeichnungen, Corless wurde mit drei Ehrendoktortiteln, einem Menschenrechtspreis sowie einem Journalismuspreis ausgezeichnet und von der Grafschaft Galway zur Person des Jahres 2018 gewählt.
Ihr Mann Aidan erzählt: «Taucht sie heute an einem Anlass auf, wollen alle Anwesenden mit ihr reden und ihr sagen, wie grossartig sie ist, was sie wiederum überhaupt nicht hören will.» Er habe früher Theater gespielt. Damals hätten die Leute zu Catherine sagt: «Bist du nicht die Frau von Aidan?» «Heute sagen sie zu mir: ‹Bist du nicht der Mann von Catherine?›» Er serviert Snacks, darunter Käse, den er auf den runden Cracker zugeschnitten hat. Als er mit Porzellantassen ankommt, sagt sie: «Oh, Porzellan! Wie beim Besuch von Liam Neeson!» Der nordirische Schauspieler produziert einen Film mit dem Titel «Die verlorenen Kinder von Tuam». Aidan wird darin als Statist zu sehen sein.
Als Neeson die beiden deshalb besuchte, war er auf Diät für einen neuen Film und brachte seinen eigenen Teebeutel mit. Catherine Corless hat seinen gebrauchten Teebeutel aufgehoben, in einem Umschlag mit der Aufschrift: «Liam Neesons De-Caf T-Bag». Als müsste sie sich vergewissern, dass sie das alles nicht geträumt hat.
Sie steht vom Küchentisch auf, geht zu einer beigen Schubladenbox, auf dem ihr Laptop wackelt, checkt ihre E-Mails. «Nichts», sagt sie. Sie sei um 14 Uhr eigentlich mit einer Kanadierin verabredet, die eine Forschungsarbeit zum Fall Tuam schreibe und sich melden wollte, wenn sie im Bus ist. Catherine Corless hat weder eine Telefonnummer noch einen Treffpunkt und entschliesst sich, sicherheitshalber doch nach Tuam zu fahren.
Beim Verlassen des Hauses gibt sie ihren zwei Hunden, Shadow und Willow, Leckerlis. Familie und Tiere kämen bei ihr immer an erster Stelle, sagt die «Irish Mail»-Journalistin Alison O’Reilly. Einmal habe sie eine Mahnwache, auf der sie geehrt werden sollte, vorzeitig verlassen, weil sie ihre Katze zum Tierarzt bringen musste.
Im Auto nach Tuam erzählt Catherine Corless, dass sie gerade einem adoptierten Mann aus Dublin helfe, seine leiblichen Eltern zu finden. Viele irische Familien suchen noch immer nach Antworten und Angehörigen. Sie ist zur Anlaufstelle für Ahnenforschung geworden, auch für Fälle, die, wie dieser, nichts mit dem Mutter-Kind-Heim zu tun haben. Abgesehen davon, sagt sie, sei ihre Arbeit getan.
Seit August dieses Jahres, elf Jahre nach dem Erscheinen des ersten Artikels in der «Irish Mail on Sunday», laufen die Ausgrabungen in Tuam, ihr Abschluss wird noch mindestens ein bis zwei Jahre dauern. Die exhumierten Überreste sollen forensisch untersucht, nach Möglichkeit identifiziert und schliesslich entweder den Familien übergeben oder in einer nationalen Gedenkstätte beigesetzt werden. Möglich, dass dabei neue Frauen über die unrühmliche Vergangenheit auftauchen werden.
«Endlich, endlich werden die Babys aus dem Abwassertank herausgeholt», sagt Catherine Corless. «Das ist das, was ich all die Jahre über immer gefordert habe.» Dass die Entmenschlichung dieser Babys ein Ende hat. Dass sie ein Stück Würde zurückerlangen.